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von Nils Böckler, I:P:Bm

Selbstmordattentate, wie wir sie in Manchester im Rahmen eines Popkonzertes erleben mussten, sind hochgradig verstörend. Die Provokation dieser psychologischen Effekte gehört zum Kalkül der terroristischen Gruppierungen.

 

Auch in Deutschland hatten wir letztes Jahr im Juli, mit dem versuchten Bombenanschlag eines 27-Jährigen Islamisten auf ein Musikfestival in Ansbach, einen ähnlichen Plot. Für uns scheint es kaum vorstellbar, warum sich Menschen offenbar freiwillig für eine Ideologie, ein Ziel oder eine Gruppe opfern und dabei gezielt Unschuldige mit in den Tod reißen. Sind die Täter verblendete Fanatiker? Haben sie suizidale Tendenzen? Beides? Welche Dynamiken spielen im Vorfeld eines solchen Attentates eine Rolle?

 

Fest steht, dass Selbstmordattentate für terroristische Verbünde das Potential für enormen Propagandaerfolg bergen: Sie deuten eine völlige Hingabe des Täters gegenüber der höherwertigen Idee an. Die Gruppe braucht einen Attentäter und vergleichsweise wenig Vorbereitung, entfacht aber weltweites Entsetzen. Doch wie kann eine abstrakte Weltanschauung einen Menschen zu einer Tat motivieren, an deren Ende sein eigener Tod steht?

 

Mackert (2007) fasst wesentliche Erkenntnisse der Forschung zu Selbstmordattentaten sowie dahinterstehenden Täterpersönlichkeiten zusammen:

 

  • Selbstmordattentate sind in der Regel keine individuellen Taten, sondern zu 95 % durch eine Organisation vorbereitet und in eine breitere Gewaltstrategie eingebettet.
  • Fast 70 % der Selbstmordattentate werden gegen demokratische Gesellschaften bzw. solche, die grundlegende demokratische Strukturen aufweisen, verübt.
  • Selbstmordattentate verbreiten sich schnell. Jeder Selbstmordanschlag erfordert das Leben eines Täters und ermöglicht es der Organisation mehrere neue zu rekrutieren. In der Tat zeigt sich, dass Selbstmordattentate wiederkehrend Nachahmungstaten auf der ganzen Welt provozieren.
  • Die Mehrheit ausgeführter Selbstmordattentate wird nicht von religiösen, sondern von säkularen Gruppen wie der PKK oder den Tamil Tigers verübt. Sind Selbstmordattentate religiös motiviert, dann geschieht dies in der Regel vor dem Hintergrund islamistischer Ideologie.

 

Die Motivation von Selbstmordattentätern ist vielfältig und stimmt nicht notwendigerweise mit den Beweggründen der Organisationen ein, in deren Sinne sie handeln. Lankford (2012) weist darauf hin, dass viele Suizidattentäter mit persönlichen Krisen, psychischen Problemen und suizidalen Tendenzen zu tun haben, die eine große Rolle bei der sich entwickelnden Gewaltdynamik spielen. Die Ideologie und der Szenezusammenhang dient hier dazu Gefühle der Leere und der Handlungsohnmacht zu kompensieren und ggf. narzisstische Bedürfnisse zu befriedigen. Der weit größte Teil suizidal eingestellter Personen würde jedoch niemals auch nur an die Durchführung eines gewalttätigen Anschlages denken. Wir kommen daher nicht weiter, wenn wir nur auf das Individuum und seine Psyche schauen. Auf der anderen Seite stehen starke Gruppendynamiken, die einbezogen werden müssen, um das Phänomen zu verstehen (vgl. Böckler/Hoffmann 2017, Robins/Post 2002, Gill 2007, Mackert 2007):

 

  • Eine Rekrutierung erfolgt in der Regel freiwillig, da die Organisation auf innere Verpflichtung und Selbstdisziplin des Rekruten angewiesen ist. Im Zuge der Ermittlungen zu Anis A. wurde deutlich, dass auch über den Messaging-Dienst Telegram zu Selbstmordanschlägen aufgerufen wird. A. hatte sich hier Mittelsmännern als Attentäter angeboten.
  • Jene die von der Organisation als Freiwillige akzeptiert und ausgewählt werden, sind dann aber starkem sozialen Druck ausgesetzt. Fragen der Ehre werden bewusst instrumentalisiert. Sollten die Rekruten ihre Einstellungen ändern, wird an ihrem Scham- und Schuldgefühl angesetzt. Die Hemmschwelle von der Mission zurückzutreten wird extrem hoch. Dies soll etwa durch letzte Briefe und Videoaufnahmen, in denen sich der Attentäter bereits als Märtyrer präsentiert, erreicht werden.

 

Auch Selbstmordattentäter fokussieren sich zumeist lange auf eine Tat und durchlaufen einen Radikalisierungsprozess. So verstörend ihre Taten sind und so irrational sie scheinen, es gibt in dieser Phase Verhaltensauffälligkeiten, die frühzeitig erkannt werden können. Damit besteht die Chance Prävention auf den Weg zu bringen. Diese Erkenntnisse fließen in den Präventionsansatz des Bedrohungsmanagements ein (vgl. Hoffmann 2017).

 

 

Literatur

 

Böckler, N. & Hoffmann, J. (Eds.), Radikalisierung und extremistische Gewalt: Perspektiven aus dem Fall- und Bedrohungsmanagement (pp. 277-298). Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.

 

Gill, P. (2007): A Multi-Dimensional Approach to Suicide Bombing. In: International Journal of Conflict and Violence, Vol. 1 (2) 2007, pp. 142 – 159.

 

Hoffmann, J. (2017). Bedrohungsmanagement und psychologische Aspekte der Radikalisierung. In N. Böckler & J. Hoffmann (Eds.), Radikalisierung und extremistische Gewalt: Perspektiven aus dem Fall- und Bedrohungsmanagement (pp. 277-298). Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft.

 

Lankford, A. (2013). Suicide terror: the myth of martyrdom. New Scientist, 219(2924), 24-25.

 

Mackert, J. (2007). Selbstmordattentate. Berliner Journal für Soziologie, 17(3), 407-417.

 

Robins, R. S., & Post, J. M. (2002). Die Psychologie des Terrors: vom Verschwörungsdenken zum politischen Wahn. Droemer.