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von Dr. Jens Hoffmann, Leiter des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement (I:P:Bm)

 

Der Nachahmungseffekt bei schweren zielgerichteten Gewalttaten kann grundsätzlich auf zwei Bereiche fokussieren: Dies ist zum einen das "Wie", sprich der Modus Operandi (MO), welcher auf die Methodik der Tatbegehung abzielt. Hierbei orientieren sich Täter zum einen regelmäßig daran, wie es andere vor ihnen gemacht haben oder sie suchen aktiv nach Anleitungen.

 

So fand eine von Gill im Jahr 2015 durchgeführte Studie von radikalisierten Einzeltätern, dass 42% von ihnen nach Informationen im Internet recherchiert hatten, die ihnen für die Tatbegehung hilfreich sein könnten. Manchmal versuchen Terror-Organisationen gezielt und proaktiv bekannte oder unbekannte Anhänger dazu zu bewegen Anschläge durchzuführen, gelegentlich auch dadurch, dass sie konkrete Tötungsmethoden vorschlagen. So ließ im September 2014 der Chefsprecher des IS einen Aufruf online stellen, in dem es hieß: "Wenn Du einen ungläubigen Europäer oder Amerikaner töten kannst von jenen Staaten, die eine Koalition gegenüber dem "Islamistischen Staat" gebildet haben, insbesondere die boshaften und schmutzigen Franzosen oder einen Australier oder Kanadier, dann bring ihn um, egal wie. Zertrümmere seinen Schädel mit einem Stein, schlachte ihn mit einem Messer ab, überfahre ihn mit deinem Auto." Tatsächlich kam es seitdem dann zu einer Reihe von solchen Gewalttaten, die bis heute anhält.


Sicherlich müssen Medien über schwere Gewalttaten in aller Tiefe und detailliert berichten, auch verbreiten sich sicherlich problematische Informationen schneller und unkontrollierter über das Internet. Dennoch haben Massenmedien noch immer einen großen Einfluss auf die Rezeption solcher Taten auch dahingehend, wie "attraktiv" sie einen Gewaltakt für potentielle Nachahmer machen.

 

 

Folgende Empfehlungen können den Nachahmungseffekt mindern:

 

Nennen Sie keine Namen

 

Nicht wenige radikalisierte Einzeltäter oder Kleingruppen erhoffen sich durch ihre Tat bekannt zu werden und ihren Namen unsterblich zu machen. So genoss der norwegische Attentäter Anders B., der im Juli 2011 zunächst in Oslo und anschließend auf einer Insel 77 Menschen getötet hatte, vor Gericht sichtbar die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Zudem sprach er davon, dass er durch seine islamfeindliche Gewalttat in die Geschichte eingehen werde.


Zeigen Sie keine Gesichter

 

Auch Gesichter markieren die Individualität der Gewalttäter. Seien es beispielsweise die drei Mitglieder der rechtsradikalen Serienmörder Gruppe NSU oder der Anführer der Anschläge vom 11. September, die Aufnahmen ihrer Gesichter sind vielen bekannt. Hierbei besteht die Gefahr einer Ikonisierung der Täter. Das Gegenmittel ist die mediale Entindividualisierung. Dies hat zudem den weiteren positiven Effekt, dass überlebende Opfer und Angehörige nicht andauernd immer wieder potenziell traumatisiert werden, wenn sie bei der Nutzung von Medien nicht in die Gesichter der Menschen blicken müssen, die ihnen direkt oder indirekt schwere Gewalt angetan haben.


Dämonisieren Sie die Täter nicht

 

Wenn radikale Einzeltäter als gewalttätige Monster, eiskalte Killer oder ähnliches bezeichnet werden, wertet sie es auf. Es macht sie größer als sie sind. Dies schafft eine negative Identität, die mit zunehmender Dämonisierung auch ihre Bedeutsamkeit steigert. Eine solch mächtige negative Identität kann eine hohe Anziehungskraft besitzen für Menschen mit Selbstwertzweifeln und einem labilen Selbstwert.

 

Nennen Sie keine Schwachstellen

 

Schwachstellen können zu einem Angriff animieren bei Menschen, die über eine Gewalttat nachdenken, aber noch keinen finalen Entschluss getroffen haben. Die implizite Nachricht lautet: An dieser Stelle ist ein terroristisches Attentat möglich. So wurde im Mai 2015 berichtet, dass ein Ehepaar einen islamistisch motivierten Anschlag auf ein Radrennen geplant habe und dadurch aufgefallen sei, dass es im Baumarkt eine bestimmte Substanz gekauft habe, mit der sich Bomben bauen ließen. Zudem wurde erwähnt, dass auch der Kauf kleinerer Mengen der Substanz an die Behörden gemeldet werden würde. Solche Informationen sind natürlich für potenzielle zukünftige Täter hilfreich, die damit ihr Vorgehen im Vorfeld optimieren können.

 

Fordern Sie niemanden ohne Not heraus

 

Selbstverständlich ist eine kritische und manchmal konfrontative Berichterstattung wichtig in einer Demokratie und es darf keine auch nur informelle Selbstzensur geben. Dennoch sollte man sich im Klaren sein, dass unnötige Herabsetzungen und Beleidigungen Gewalt auslösen können. So war beispielsweise 2015 in den USA eine rechtspopulistische und islamfeindliche Ausstellung von Mohamed Karikaturen von den Veranstaltern groß medial inszeniert worden. Zwei radikalisierte Täter griffen dann den Veranstaltungsort mit Gewehren an.

 

 

 

Buchcover Robertz

 

Dieser Blog Beitrag stammt aus einem Buchbeitrag von Jens Hoffmann in dem Band von Frank Robertz & Robert Kahr (Hrsg): Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus

 

 

 

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